SCHÖNE NEUE PARALLELWELT

Die Arbeiten von Joanna Buchowska

 

Von Tina Sauerländer

 

Eine vertraut-fremde Umgebung eröffnet sich in den Gemälden von Joanna Buchowska. Ihre Bildwelten weisen auf etwas Bekanntes hin, oder doch nicht? Ist das ein Himmel oder ist das ein Berg, fragt sich der Betrachter auf seiner Suche nach einer möglichen Rückbindung an die Realität. In diesem Fall nicht vergebens. Jedes Gemälde beruht auf einer im Vorfeld

angerfertigen Collage aus Versatzstücken der Wirklichkeit, die Joanna Buchowska in eine malerische Version überträgt.

Die Künstlerin durchforstet ihr umfangreiches Zeitschriften-Archiv: Vogue, Vanity Fair oder National Geographic. Sophistizierte Kunstmagazine finden sich selten darunter, sondern vor allem Hefte, die Alltägliches und Allgemeinverständliches der heutigen Lebenswelt beschreiben.

Der Blick der Künstlerin richtet sich auf Flächen, Formen, Farben oder Strukturen, manchmal auch einzelne Figuren oder Gegenstände, die sie ausschneidet und so von ihrem ursprünglichen Zusammenhang entfernt.

Diese abstrahierten Elemente führt die Künstlerin anschließend im neuen Kontext zusammen und übermalt sie dabei teilweise.

Die Collagen dienen der Malerin als Skizze für das jeweils anzufertigende Gemälde. Sie sind ein essentieller Teil des Arbeitsprozesses, aber nicht das Endprodukt ihres künstlerischen Schaffens.

Bei der Übertragung der Collage auf Leinwand lässt sich die Künstlerin auf ein gänzlich anderes Medium ein und stellt sich dessen Anforderungen.

Sie schöpft die spezifischen Möglichkeiten der Malerei aus und entwickelt neue Lösungsansätze für die Darstellung von Proportion, Haptik oder Abbildgenauigkeit. Farben und Oberflächenstrukturen der Vorlage behält

die Künstlerin weitestgehend bei. Viele Charakteristika der Collagen prägen die Gemälde: Opake Farbflächen verlaufen mit glatter (Schnitt-)Kante zum nächsten kompositorischen Element, das beispielsweise eine holzähnliche Struktur und organische Form aufweist. Mit den Verarbeitungsschritten geht ein Abstraktionsprozess einher, bei dem sich die Proportionen und Kontexte der einzelnen Elemente verändern. Die ursprünglichen Gegenstände sind kaum mehr als solche erkennbar. Schuhspitzen werden zu Hügeln, Kleiderfalten zu Bergen oder Torsi zu abgestürzten Flugzeugen.

Am Anfang jeden Gemäldes steht die grobe Bildidee für die zu kreierende Komposition. Dafür verwendet Joanna Buchowska keine Bilder realer Landschaften, sondern Material aus dem Science-Fiction-Bereich. Geheimnisvolle, ungewöhnliche und unbekannte Welten, die man in

der Wirklichkeit wohl nie entdecken oder bereisen könnte, faszinieren die Künstlerin. Sie bilden den Ausgangspunkt für ihre Arbeiten. Die Gemälde sind Landschaftsräume, in denen Bäume wie lange, pfahlartige Gebilde aufragen und vermeintliche Berge, Himmel, Seen oder Sonnen dicht nebeneinander stehen. Ihre Bilder sind menschenleer und wirken wie ein

Bühnenbild mit unrealistischen Proportionen ohne Fluchtpunkte und mit klaren, fast monumentalen Formen, die durch Überlagerung Räumlichkeit evozieren – und in die sich ein Betrachter leicht hinein imaginieren kann. So führen die Arbeiten von Joanna Buchowska in eine andersartige Parallelwelt, die auf den Dingen unserer eigenen Wirklichkeit beruht.

Die Titel der Gemälde sind ebenfalls aus Narrativen der Realität entnommene Bruchstücke.

„Statische Vorhersage“, „Wendung (unerwartet)“, „everlasting credit“ (Dt. unendlicher Kredit) oder „indeed, right up to the end“ (Dt. In der Tag, bis zum Ende) lauten die kryptischen, etwas absurd und geheimnisvoll klingenden Beschreibungen, die die Künstlerin in Zeitschriften oder Büchern findet. Manchmal benutzt sie auch Abkürzungen wie „k.e.y.“, „p.a.n.“ oder

„t.d.a.“ (alle 2015). Der Titel „t.d.a“ – the day after (Dt. Der Tag danach) verweist auf den Zustand nach einer großen, irreversiblen Veränderung, auf einen neuen Ausgangspunkt. Er spielt auch auf den Film „The Day After“ (1983) an, der als eine dystopisch-destruktive Fiktion

über die möglichen Auswirkungen eines Atomkriegs zu verstehen ist. In den mit „t.d.a.“ betitelten Arbeiten der Künstlerin blickt man in felsige Berglandschaften in dunkler und nächtlicher Atmosphäre. Unter einem glutroten Himmel versammeln sich monumental wirkende Objekte, die fremdartigen Flugkörpern ähneln. Die Gemälde erscheinen düster, aber

die Künstlerin sieht sie anders. Für Joanna Buchowska symbolisieren ihre Gemälde einen Ausblick in eine unbekannte Welt. Sie sind mit Planeten vergleichbar, die noch kein Mensch betreten hat. Nur Bilder sind von ihnen bekannt, aber die Details und Proportionen der Landschaften lassen sich mit menschlichen Maßstäben nicht abschätzen.

Die Arbeiten von Joanna Buchowska weisen Referenzen zu Gemälden der italienischen Pittura Metafisica (ca. 1910-1925) auf. Die scheinbare Zusammenhanglosigkeit der Bildelemente, Menschleere, Stimmung und Farbgebung, Veränderung von Proportionen oder der Hinweis auf eine andere Welt, ob geistig-transzendent oder unbekannt-geheimnisvoll, sind

Merkmale, die auf Gemälde der Protagonisten der Stilrichtung sowie auf die Arbeiten der Künstlerin zutreffen. In „Als sie an den Auslagen des Juweliers vorbeikamen, wandte sie nicht einmal den Kopf“ (2013) positioniert Joanna Buchowska graue Kugeln und Säulenelemente

mit Licht und Schatten in einem abstrakten Raum. Das Bild erinnert an Werke wie „Das Liebeslied“ von Giorgio di Chirico (1914) oder „La Habitación encantada (1917) von Carlo Carra. Steht bei den Künstlern der Pittura Metafisica vor allem die Komposition real existierender Gegenstände im Raum im Vordergrund, so ist es bei Joanna Buchowska die Abstraktion der Dinge der Wirklichkeit.

Joanna Buchowska schafft in ihren Gemälden Parallelwelten aus Versatzstücken der Wirklichkeit und verweist so auf eine alternative Zusammenstellung der Dinge. Ihre Bilder werden zu utopischen Fiktionen, in der andere Lebensräume, Gesellschaften oder menschliche Verhaltensweisen möglich wären. Genauso wie Aldous Huxleys bekanntester Roman „Schöne neue Welt“ (1932) mit Nikolai Berdjajews Forderung nach einer weniger

perfekten und dafür freien Gesellschaft beginnt, stellen die Gemälde von Joanna Buchowska den Ausgangspunkt für eine Möglichkeit einer anderen Welt dar. Eine Welt wie ein Planet, den man nicht selbst bereisen kann, aber deren visuelle Oberfläche auf den Gemälden zum Vorschein tritt, und die man nun in seiner eigenen Fantasie mit Mut und Vorstellungskraft

bereisen und in sich selbst entdecken kann.

 

Tina Sauerländer

http://www.peertospace.eu

 

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BRAVE NEW PARALLEL WORLD

The work of Joanna Buchowska

 

By Tina Sauerländer    

 

A familiar yet foreign environment opens up in the paintings of Joanna Buchowska. Her imagery refers to something known, or maybe not? Is this a sky or is this a mountain, viewers ask in their search for a possible link back to reality. In this case, it is not in vain. Each painting is based on a previously finished collage of pieces of reality that Joanna Buchowska converts to a painterly version. 

 

The artist scours her extensive periodicals archive: Vogue, Vanity Fair or National Geographic. In most cases it is magazines that describe the everyday and the commonsense of contemporary life. The artist’s gaze focuses on surfaces, shapes, colors or structures, sometimes even single figures or items that she cuts out and removes from their original context. These abstracted elements then lead the artist into altogether new contexts which she thereby partially paints over. For her the collages serve as sketches for each painting to be completed. They are an essential part of the process, but not the final product of her artistic work. 

 

When transferring the collage onto canvas, the artist engages with a totally different medium giving herself a new set of demands. She draws on painting's specific possibilities and develops new approaches for the presentation of proportion, texture or image accuracy. The artist preserves original colors and surface feel to a large extent. Many aspects of collage characterize the paintings: opaque colors blend with smooth (cut) edge to the next compositional element, which might for example have a wood-like structure and organic form. A process of abstraction accompanies the steps in the work which changes the proportions and contexts of each item. The original objects are barely recognizable as such. Pointy toe shoes become hills, clothes wrinkle into mountains or torsos to downed aircraft. 

 

At the beginning of each painting, the rough idea for the composition to be created exists. Joanna Buchowska does not use pictures of real landscapes, but instead material from the field of science fiction. Mysterious, unusual and unknown worlds that could never be discovered or toured in reality fascinate the artist. They form the starting point for her work. The paintings are landscapes, where trees rise up like long, stilted structures and would-be mountains, sky, lakes or suns stand close to one another. Her paintings are deserted and appear like a stage set with unrealistic proportions, no vanishing points and clear, almost monumental forms that evoke a superimposing space—and in which a viewer can easily imagine being inside. So the work of Joanna Buchowska results in a different kind of parallel world based on items from our own reality. 

 

The titles of the paintings are also drawn from narratives taken from fragments of reality. “Static forecasts,” “(unexpected) turns”, “everlasting credit” or “indeed, right up to the end” are the cryptic, somewhat absurd and mysterious sounding descriptions that the artist finds in magazines or books. Sometimes she also uses abbreviations as k.e.y., p.a.n. or t.d.a. (all 2015). The title t.d.a.,  i.e. the day after, refers to the situation after a large, irreversible change and the consequent new starting point. It also alludes to the movie The Day After (1983), which is seen as a destructive, dystopian fiction about the possible effects of nuclear war. Under the works titled t.d.a by the artist, one looks into rocky mountains into a dark and nocturnal atmosphere. Under a glowing red sky seemingly monumental objects gather resembling alien missiles. The paintings appear bleak, but the artist thinks of it otherwise. For Joanna Buchowska her paintings symbolize a glimpse into an unknown world. They are similar to a planet which no person has entered yet. Only images of them are known, but the details and proportions of landscapes cannot be estimated on a human-scale.

 

The work of Joanna Buchowska references paintings from the Italian style Pittura Metafisica (ca. 1910–1925). The apparent incoherence of the picture elements, human emptiness, mood and color, changes in proportions or the references to another world, whether intellectual and transcendent or unknown-mysterious, are characteristics that apply to painting the protagonists of style as well as to the artist's work. In As they passed the jeweler’s window display, she did not even turn her head (2013) Joanna Buchowska positioned gray spheres and columned elements with light and shadow in an abstract space. The picture is reminiscent of works such as The Love Song of Giorgio di Chirico (1914) or La Habitación Encantada (1917) by Carlo Carra. As the composition of real objects in the room stood in particular in the foreground for the artists of Pittura Metafisica, so too does the abstraction of things from reality for Joanna Buchowska.

 

Joanna Buchowska creates in her paintings parallel worlds out of pieces of reality and thus refers to an alternative configuration of things. Her pictures become utopian fictions, in which other habitats, societies or human behaviors would be possible. Just as Aldous Huxley's most famous novel Brave New World (1932) begins with Nikolai Berdyaev's demand for a less perfect and freer society, the paintings of Joanna Buchowska form the starting point for the possibility of a different world. A world that is like a planet which cannot be traveled around. Yet its visual surface steps into sight on the paintings, and one can only travel here with by being brave and imaginative  enabling discovery within oneself.

 

Translation by Jena Balton-Stier

 

 

 

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© Joanna Buchowska